Die Elbe meldet sich zu Wort ….
von Doris Krohn, Neu – Darchau
…Politiker, Politikerinnen, was macht ihr hier denn nur für ein Theater seit nunmehr über 30 Jahren:
Eine Brücke muss her, hierher – eine Brücke der Herzen soll es sein! – Nur so können wir die Deutsche Einheit vollenden!
Und HIERHER heißt bei euch zwischen Darchau und Neu Darchau.
Sagt mal, merkt ihr gar nichts! Seht ihr nicht meine große Freude, mein Wohlgefallen, gerade hier!
Ich muss nicht mehr Grenze sein zwischen den beiden Elb-Dörfern, sondern ich kann zusammen mit meiner alten Freundin TANJA mit einem geruhsamen Hin und Her eine wahrhaft lebendige Brücke sein!
Jedes Mal wenn TANJA Leute aus Neu Darchau zum Kaffeetrinken ins Darchauer Café Rautenkranz rüber setzt, jauchze ich mit fröhlichem Wellenschlag. Vielen Elbquerern schenke ich dabei Zeit für Urlaub machende Blicke in die Weite.
Und dass ich nicht mehr Kloake bin für Schadstoffe aller Art, ist gerade hier wichtig, wo meine Herzensfreunde – die Kinder – ganz viel in den kleinen Strandbuchten in feinem hellen Elbsand buddeln und graben und beim Planschen von meinen seichten Wellen mal Wasser in den Mund bekommen, ist das nicht mehr so schlimm, auch wenn es nicht die Trinkwasserqualität von 1911 hat.
Aber nicht nur den Kindern biete ich Unbeschwertheit, denn mit meiner Gesundung kam ein Großteil der vertriebenen Tierwelt zurück. Zu meinen beiden Seiten erholten sich die Auen und so mäandere ich gemächlich vor mich hin, vorbei wie eh und je an Wäldern und Wiesen und kann mit freiem Blick gen Himmel,Störche, Wildgänse und Reiher begrüßen, die sich in mir spiegeln. Nun werdet ihr sagen:
Ja und – das kann doch alles so bleiben, haben wir doch nichts mit zu tun, wir wollen ja nur eine Brücke bauen, das tut dir alten Elbe doch nichts!
Ja, ich bin die alte Elbe, die sehr,sehr alte und erfahrene Elbe, die über Jahrtausende viel erlebt und erlitten hat. Ich bin aber auch eine glückliche jung gebliebene Elbe, die stolz darauf ist, der einzige Fluss in Europa zu sein, der auf über 1000 Flusskilometern nicht begradigt wurde und somit als einziger noch frei fließender Fluss bezeichnet werden kann. Meine Flusslandschaft entwickelte sich zu meiner großen Freude zum größten Auenschutzgebiet des gesamten Kontinents und wurde wegen dieser Einzigartigkeit zum Biosphären-Reservat erklärt. Hinzu kommt noch die Aussicht, dass das „Grüne Band“, das ich ca.100 km begleite, gemischtes UNESCO-Welt-Natur-Kultur-Erbe werden kann.
In meine hochdekorierte Flusslandschaft wollt ihr, die ihr hier nicht einmal wohnt, über Jahre riesige Laster, Bagger und Kräne einfallen lassen, um fruchtbaren Boden zu verdichten, saftige Auen aufzureißen, majestätische Bäume zu fällen, Sandberge anzufahren, unübersehbare Massen von Material in, vor und hinter Wohngebiete lagern und mundtot gemachte Anwohner zu vertreiben, zu enteignen und und und … um schließlich auch mir in meinem friedlichen Bett mit Ausschachten, Baggern, Graben und Rammen zu Leibe zu rücken.
In der Zwischenzeit werden die gerade wieder heimisch gewordenen Fische, Vögel und Kleintiere samt Biber geflohen, verscheucht, zwangsumgesiedelt oder einfach verschreckt verendet sein.
Lange bevor das Monstrum aus Stahl und Beton mich aufs Tiefste drangsaliert und die andere Seite erreicht, wird meine so geliebte Landzunge mit Klangschalenpark und Sitzoasen, die ich mit ihrem quirlig bunten lauten und fröhlichen Leben lustvoll umspült habe, verwaist sein – mutiert vom Kleinod zur Einöde.
Bei dieser Horrorvision kann und darf ich alte traurige Elbe nicht still sein!
Wäre ich ein juristisches Subjekt würde ich mich kraftvoll an den Klagen beteiligen.
Und mit Wolfgang Borchert, der mich so liebevoll in „Draußen vor der Tür“ zu Worte kommen ließ, möchte ich etwas abgewandelt ausrufen:
Du Freund der Elbtalauen, wenn sie Dich heute fragen, möchtest Du hier eine Brücke haben, SAG NEIN!