30 Jahre nach dem Brückenbau: Eine Führung zum Lost Place Neu Darchau
von Gesine Wahl; Neu Darchau
„Bitte bleiben Sie auf dem Weg und achten Sie auf den unebenen Boden“, sage ich zu der kleinen Gruppe, während sie zu den gewaltigen Betonpfeilern der Brücke hinaufsehen. „Es ist schwer vorstellbar, aber genau hier befand sich einst das Herz dieses Ortes.“
Über uns donnert der Verkehr. Das monotone Rauschen begleitet jeden Schritt. Die Brücke wirft einen breiten Schatten auf das Gelände, das heute verlassen ist. „Hier auf der Fährwiese gab es einst eine mit viel Liebe gestaltete „Wilde Wiese“, ein beliebter Erholungsort für die Menschen des Ortes und für Touristen. Die Tische und Bänke mit Blick auf die Elbe sind längst verschwunden. Der Klangschalenpark von Schrottdieben leergeräumt“. Ein schmaler Pfad führt zwischen den Büschen und hohen Pflanzen ans Ufer des Flusses. Offensichtlich gibt es immer noch ein paar Tiere, die dem Lärm trotzen.
„Wenn Sie nach rechts schauen, sehen Sie die Reste des Fähranlegers. Die Fähre Tanja hat dort etliche Jahrzehnte lang die Menschen zuverlässig und entspannt über den Fluss gebracht. Eine große Anzahl von Touristen, darunter viele Radfahrer nutzten die kleine Auszeit auf der Elbe, und konnten, wenn sie Glück hatten, den Biber vorbei schwimmen sehen. Doch der ist längst verschwunden. Daneben am Ufer der Elbe machten hin und wieder Ausflugsdampfer fest.“ Die verrosteten Poller des Schiffsanlegers ragen aus dem Boden wie stumme Denkmäler.
„Und dort, wo Sie die Fachwerkruine sehen“, erkläre ich, „stand früher ein beliebtes Restaurant, das „Göpelhaus“. Von der Terrasse aus hatte man freien Blick aufs Wasser. Im Sommer war hier kaum ein Tisch zu bekommen.“
„An dieser Stelle“, wir gehen weiter an einem kleinen Bachlauf entlang, „befand sich ein kleiner Hafen. Sportboote lagen hier den Sommer über. An Wochenenden herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Es gab einen Kanuverleih, der begleitete Touren zur Naturbeobachtung anbot.“
Einige Besucher bleiben stehen und fotografieren die überwachsenen Stege, deren Holz längst verfault ist.
„Und genau auf dieser Freifläche“, fahre ich fort und deute auf eine von Gras und Büschen überwucherte Ebene, „wurden früher Konzerte, Theatervorstellungen und Feste veranstaltet. Es gab Ausstellungen und zahlreiche Menschen kamen hierher. Die ganze Landzunge war voller Leben.
Eine Initiative setzte sich für die Bewahrung des besonderen Sternenhimmels in der Region ein, das „Sternenparadies Elbtalaue“. Der Himmel über der Elbtalaue gehörte zu den schönsten in Deutschland. So dunkel, wie es hier nachts noch war, ist es inzwischen fast nirgendwo mehr. Dieses Fleckchen Erde gehörte zu einer der letzten Flächen Deutschlands, die bisher von größerer Lichtverschmutzung verschont geblieben war. Doch durch die helle Beleuchtung auf der Brücke über uns, ist diese Chance endgültig vertan.“
Die Gruppe blickt schweigend nach oben, wo die Brücke den Himmel fast vollständig verdeckt.
„Es gab einen erbitterten Kampf für den Erhalt der Fähre, des Ortes und der Natur. Die Gegner des Brückenbaus wurden als Fortschrittsfeinde verhöhnt und beschimpft. Letztendlich waren die wirtschaftlichen Interessen stärker als die Interessen der Menschen und der Natur und der Ort wurde geopfert, um eine neue Ost-West-Achse zu verwirklichen. Als die Brücke gebaut wurde, versprach man Wohlstand und bessere Verbindungen. Anfangs gab es noch Menschen, die daran glaubten. Doch mit den Jahren verlagerte sich das Leben. Die Verkehrsachsen schnitten den Ort entzwei. Besucher blieben aus, Geschäfte schlossen, und viele Bewohner zogen weg.“
Der Wind trägt das Echo der Fahrzeuge herab. Wo früher Stimmen, Musik und Gelächter zu hören waren, herrscht heute eine eigentümliche Leere.
„Lost Places sind oft Ruinen von Fabriken oder verlassenen Krankenhäusern“, sage ich zum Abschluss. „Dieser Ort ist anders. Er wurde nicht durch Krieg oder Katastrophen aufgegeben. Er verlor langsam seine Bedeutung. Was Sie hier sehen, sind die Überreste eines Ortes, der einst voller Menschen und Leben war – und der heute im Schatten seiner eigenen Brücke liegt.“